Am 14. April beschließen die NATO-Staaten, ihre Truppen aus Afghanistan abzuziehen. Darunter unter anderem Deutschland. Was zu dieser Zeit niemand weiß: Schon bald wird das Land wieder ein anderes sein.

Einige Monate später konfrontiert die Realität das Staatenbündnis. Die terroristischen Taliban erobern das Land schneller als erwartet. Viel schneller. Schon wenige Wochen später stehen sie nicht nur vor der Hauptstadt Kabul, sondern vor den Toren des Flughafens. Als die übrigen internationalen Truppen von besagtem Flughafen abziehen, gilt Afghanistan als gefallen. An eine Terrororganisation, die vor brutalen Maßnahmen nicht zurückschreckt.

53 deutsche Soldaten kamen während des gesamten Afghanistan-Einsatzes ums Leben, wie das Statistik-Portal Statista angibt. Mehr als 90.000 deutsche Soldaten waren nach „Spiegel“-Recherchen in Afghanistan im Einsatz. Einer davon ist Dhany Sahm. Seines Zeichens Hauptmann der Bundeswehr, heute stationiert in Bamberg. Zweimal war er in Afghanistan im Einsatz, von 2010 auf 2011 und von 2016 auf 2017.

Dhany Sahm, Ex-Soldat in Afghanistan

Im Exklusiv-Interview mit deinErlangen.de spricht er über seine Zeit in Afghanistan, das Rollenbild der Frau, die Entwicklung des Landes und wie sich die Bilder von vor einigen Monaten für ihn anfühlen.

Herr Sahm, was war Ihr Traumberuf – abseits der Bundeswehr?

Als Kind hatte ich ein paar Wunschberufe: Psychologie, Werbung, Lehrer und Richter fand ich immer ziemlich spannend. Bei der Bundeswehr konnte ich drei davon ähnlich umsetzen und erfüllen. Bei der Bundeswehr habe ich nicht nur das Soldatendasein gelebt, sondern auch die Berufe durchlebt, die damals als kleiner Junge meine Traumberufe waren. 

Wenn Sie es runterbrechen müssten: Wie würden Sie einer 7-Jährigen Ihren Beruf erklären?

Wenn die 7-Jährige fragt: Was ist denn ein Soldat? Dann würde ich sagen, dass das eine Gruppe von Menschen ist, die dafür da ist, um das Land zu beschützen. 

Dhany Sahm in Uniform in Afghanistan, im Hintergrund Autos der Bundeswehr in Tarnfarben
Dhany_Sahm während seines zweiten Einsatzes in Afghanistan.
Bild: Privat

Sie waren für zwei Einsätze in Afghanistan. Inwiefern haben sich Ihre Aufgaben dort unterschieden? 

Ich war im ersten Auslandseinsatz 2010 auf 2011 im mittleren Dienst in einer praktischen Funktion dort: Ich war Fernsehkameramann und Soldat. Im zweiten Einsatz 2016 auf 2017 bin ich als Offizier dort gewesen. Dort war ich Berater, ein sogenannter Advisor, im Bereich Medien.

Wie können wir uns Ihre Arbeit als Kameramann vorstellen?

Wir haben Produkte, zum Beispiele Filme, im Rahmen der Informationsarbeit erstellt, um die dortige Bevölkerung entweder aufzuklären, was wir tun. Oder um sie in eine gewisse Richtung zu lenken und zu leiten. Wir wollten das Land unter anderem davon überzeugen, welche Vorteile die Demokratie hat und sie vor Gefahren, wie z. B. selbstgebauten Sprengsätze, schützen.

Letzte Absprachen werden getroffen, die Besatzungen beladen die Fahrzeuge und bereiten die Waffenanlagen vor  Bundeswehr/Andre Klimke
Patrouille in der GDA durch die Force Protection Kompanie Kunduz
Bild: Bundeswehr/Andre Klimke

Nehmen Sie uns mit in Ihren Alltag in Afghanistan. Wie sah ein Tag von Ihnen aus? 

Wenn ich aus dem Camp rausgefahren bin, habe ich mich morgens vorbereitet und mein ganzes Gerödel (gemeint: Ausrüstung, Anm. d. Red.) angezogen und die Sicherheitsausstattung überprüft. In der Befehlsausgabe haben wir dann besprochen, wie man sich in besonderen Situationen verhält. Danach sind wir von A nach B gefahren, wobei B der Ort war, an dem man seine Tagestätigkeit ausgeübt hat. 

Besondere Situationen? 

Einsätze in Orten und Gegenden, die natürlich gefährlich sind. Beispielsweise wegen eines potenziellen Anschlags durch Leute, die irgendwie das System stürzen wollen. Das können unterschiedliche Situationen sein und dann ist man hoffentlich auf alles vorbereitet, was tatsächlich auch passieren kann. 

Der Helikopter CH-53 übernahm bis Ende 2020 mehr als 18 Jahre lang den taktischen Lufttransport für die Bundeswehr in Nordafghanistan. Dabei legten die Maschinen in mehr als 22.500 Flugstunden etwa fünf Millionen Kilometer zurück.  Bundeswehr/Andre Klimke
Der Helikopter CH-53 übernahm bis Ende 2020 mehr als 18 Jahre lang den taktischen Lufttransport für die Bundeswehr in Nordafghanistan. Dabei legten die Maschinen in mehr als 22.500 Flugstunden etwa fünf Millionen Kilometer zurück.
Bild: Bundeswehr/Andre Klimke

Was für Arbeitszeiten gelten im Einsatz?

In der Regel arbeitet man dort von 8 bis 20 Uhr, sieben Tage die Woche. Nur am Freitag haben wir eine Art Sonntag gefeiert. Da haben wir meistens erst mittags angefangen. 

Welche Erfahrungen haben Sie im Umgang mit den Menschen vor Ort gemacht? 

Das war ganz spannend, weil der kulturelle Unterschied ganz krass einwirkt. Zum Beispiel gibt man einer Frau in Afghanistan nicht die Hand. Man berührt sich nie. Man guckt sich nicht zu lange zu tief in die Augen. Man guckt, dass immer die Türen offen stehen. Gegenüber dem Mann ist das ganz anders. Ihm sollte man mehr Zeit widmen. Männer umarmen sich. Männer küssen sich vielleicht sogar zur Begrüßung – so ein Busserl auf die Wange. Es war eine spannende Erfahrung zu sehen, dass Völker völlig unterschiedlich ticken. 

Welche Entwicklungen konnten Sie im Land zwischen Ihren beiden Einsätzen wahrnehmen?

Die Bildung ist enorm vorangeschritten. Die Zahl der Studenten und Schüler hat sich ungefähr verzehnfacht. Ein anderes Thema: Frauenrechte. Frauen haben angefangen, mehr Positionen einzunehmen, in denen es vorher gar keine Frauen gab. Frauen durften auch lernen und studieren. In der Stadt hat sich ein Bild mehrheitlich durchgesetzt – entgegen der Taliban-Zeit –, dass Frauen sich mit der Burka nicht mehr voll verschleiert haben. Auch das ist, glaube ich, ein starkes Signal dafür, dass dieses Land moderner geworden ist. 

Sie sind in beiden Einsätzen über Weihnachten und den Jahreswechsel im Einsatz gewesen. Wie haben Sie Weihnachten dort verbracht? 

Es haben ja alle Familie und Freunde zuhause und an jeden, der im Einsatz ist, wird ganz viel gedacht, sodass wir dann auch alle ganz viel Post bekommen haben. Da waren natürlich viele Süßigkeiten und weihnachtliches Gebäck dabei. Das wurde einfach in die Mitte gestellt. Natürlich gab es auch ein Weihnachtsessen. Denn allen ist klar, was Weihnachten für ein besonderer Moment ist.

Erzählen Sie uns noch mehr von den Weihnachtstraditionen im Camp.

Wir hatten dahingehend einen sehr starken Chef. Er hat sich wirklich viel Mühe gegeben, dass wir sowas wie ein weihnachtliches Gefühl bekommen. Er hat darauf bestanden, dass wir Weihnachtslieder singen. Da hatte am Anfang niemand Lust drauf. Beim Militär kann man das aber ganz leicht lösen, indem man das befiehlt. Dann haben wir auf Befehl gesungen und gemerkt: Es ist irgendwie ganz cool, wenn man an Weihnachten zusammensitzt und Weihnachtslieder singt – ich meine, wer macht das heute noch? 

Wie war Weihnachten in diesem Ausnahmezustand für Sie? 

Es war besonders und gleichzeitig merkwürdig. Es gibt die schönen Momente, in denen man sich alter Rituale erfreut und zusammen einen sehr weihnachtlichen Moment hat. Der ist natürlich aber zeitlich begrenzt. Danach gehen alle auf ihr Zimmer und telefonieren. Dann ist man erstmal wieder alleine an Weihnachten. Das ist ein Auf und Ab. Gefühlsmäßig geht da ganz viel.

Die Feldpost hat angerufen: Heute können wieder Päckchen abgeholt werden  Bundeswehr/Mathias Lente
Die Feldpost hat angerufen: Heute können wieder Päckchen abgeholt werden
Bild: Bundeswehr/Mathias Lente

Hatten Sie Weihnachten Kontakt zu Ihrer Familie? 

Man kann mittlerweile viel telefonieren, die Kommunikation ist sehr gut. Mein Sohn war während meines zweiten Einsatzes zwei Jahre alt. Das war für uns eine mega gute Möglichkeit, dass wir die Bindung nicht komplett verlieren. Dann haben wir natürlich Weihnachten telefoniert… Irgendwann musste man aber auch wieder auflegen und es kommt so ein leerer Moment. Das ist dann halt nicht so cool. 

Wie war das mit den Ortskräften, die kein Weihnachten feiern: Waren die Feste kultur- und religionsübergreifend?

Die Feierlichkeiten haben nur im Camp stattgefunden. Deswegen waren nicht viele Ortskräfte bei uns. Aber natürlich wussten sie um unsere Feiertage und wir um deren. Man hat sich dazu beglückwünscht und eine gute Zeit gewünscht. Ich glaube, da haben wir einen sehr guten Umgang miteinander gehabt.

Gab es vereinzelt Tage, an denen Sie als Gruppe zu den Ortskräften gefahren sind und gemeinsam gefeiert haben?

Ja, das gab es. Einmal zum Beispiel haben uns die Afghanen ins Medienhaus eingeladen und wir sie dann zu uns ins Camp. Wir haben mit ihnen Fußball bei uns gespielt und danach gemeinsam gegrillt. Bei denen konnten wir natürlich afghanisches Essen essen. Einmal haben wir dort auch alle zusammen getanzt. Also nur die Männer. Frauen sind davon ausgeschlossen gewesen. Auch das war sehr ungewöhnlich und in dem Moment sehr surreal. 

All das hat dann eher dem Socializen gedient, damit man sich besser kennenlernt und es die Arbeit erleichtert. 

Was war das beste afghanische Essen, das Sie gegessen haben?

Ich persönlich habe die afghanische Reisspeise „Palau“ gefeiert, mit viel Öl. Aber es war eigentlich alles lecker. Sie haben aber natürlich nur das Beste aufgefahren. Das war für die natürlich auch ein riesen Kostenpunkt, da hat man sich schon fast geschämt, dass man da zum Essen eingeladen wird. Weil man wusste, was für ein großes Opfer das für sie ist.

Haben Sie diese Reisspeise nochmal zubereitet, als Sie wieder in Deutschland waren?

Nein, tatsächlich nicht. Aber ich glaube, manche Sachen muss man nicht zwingend nachmachen. Eine schöne Erinnerung ist die an das Essen. Und die möchte ich mir als solche bewahren.

Die letzten Soldaten steigen in das Transportflugzeug C17 der US-Streitkräfte in Mazar-e Sharif am 29.06.2021
Bild: Bundeswehr/Torsten Kraatz

Wie hat sich Ihr Bild von Afghanistan, verglichen mit der Zeit vor Ihrem Einsatz, verändert?

Ich bin relativ open-minded zu vielen Bereichen des Lebens. Deswegen hatte ich vorher kein festes Bild von Afghanistan, weil ich mir eingestanden habe: Ich weiß nicht, wie es da ist. Ich hatte anfangs gedacht, es wäre dort jederzeit und überall gefährlich. Jeder Zeitpunkt, jeder Ort. 

Ein Beispiel?

Ich war im Norden von Afghanistan unterwegs. Dort gab es einen Gouverneur, der das Sagen hatte. Der hat auch mehrheitlich dafür gesorgt, dass in seinen Landstrichen nichts passiert, weil er wusste, dass die internationalen Schutzkräfte die Wirtschaft dort florieren lassen. Ich will die Gefahr auf keinen Fall ausblenden, aber es ist dort nicht immer gefährlich.

Gibt es eine Situation, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Es gibt eine Situation, da habe ich bis heute noch dran zu knabbern. Man sieht diese Bevölkerung, die dauernd unterversorgt ist. Kein fließend Wasser, keine Nahrung. Oder man geht an der Bevölkerung vorbei und kann mit der Nase wahrnehmen: Dort geht es nicht so hygienisch zu. Letztendlich weil das Wasser einfach nicht vorhanden ist. Man merkt, die Afghanen haben es nicht leicht im Leben. Und das ging mir persönlich sehr, sehr nah. Da habe ich lange gebraucht, bis ich darüber hinweg gekommen bin.

Fällt Ihnen noch ein Aha-Moment ein, der Sie an Afghanistan überrascht hat?

Dass die Frauen in der Stadt nicht mehr mit der Burka rumlaufen, zwar mit Kopftuch, das aber ist in der Bevölkerung verankert. Ich habe Frauen gesehen, die sich durchsetzen, Frauen, die gebildet sind und fließendes Englisch sprechen.

Unter anderem afghanische Soldatinnen, Studentinnen oder eine Taxifahrerin äußern ihre Erfahrungen. Ungeachtet der positiven Entwicklungen der vergangenen Jahre sprechen sie auch über alltägliche Benachteiligungen gegenüber ihren männlichen Kollegen.  Bundeswehr/Sophie Ansell
Unter anderem afghanische Soldatinnen, Studentinnen oder eine Taxifahrerin äußern ihre Erfahrungen. Ungeachtet der positiven Entwicklungen der vergangenen Jahre sprechen sie auch über alltägliche Benachteiligungen gegenüber ihren männlichen Kollegen – 18.11.2020.
Bild: Bundeswehr/Sophie Ansell

Sie haben sicherlich die Bilder von vor ein paar Monaten im Kopf. Zu sehen, wie das Land nach und nach von den Taliban zurückerobert wird. Was hat das mit Ihnen gemacht?

Der Zustand in Afghanistan nimmt mich natürlich mit, weil ich Mensch und christlich sozialisiert bin. Man ist gedanklich bei den Menschen und die Vermutung, dass gewisse Rechte, die hart erkämpft wurden, wahrscheinlich sehr schnell zurückgedrängt oder ad acta gelegt werden, macht betroffen. Das kann einen nicht unberührt lassen.

Welche Rechte?

Ich hoffe, dass dort besonders die Rechte der Kinder nicht allzu stark verändert werden. Themen, wie die Zwangsheirat, nehmen mich persönlich stark mit.

Wenn Sie auf die Zeit zurückblicken. Was haben Sie persönlich aus Ihrer Zeit in Afghanistan mitgenommen?

Ich bin natürlich gewachsen und gereift an der Zeit. Ich konnte viele Dinge, vor denen ich Angst hatte, gar gefürchtet habe, zur Seite legen. Ich habe mir gesagt: „Mensch, du bist jeden zweiten Tag draußen gewesen, hast dich der Situation gestellt. Am Ende hast du das gemeistert.”