Die gepflegten Hände mit den rot lackierten Fingernägeln halten ein großes, altes Fotobuch. Langsam blättert die 107-Jährige mit zitternden Fingern eine Seite weiter. Ihre Augen schauen vertieft auf die schwarz weißen Fotos, auf denen ein kleines Kind zu sehen ist. “Ganz die Erika”, steht per Handschrift neben dem Foto aus dem Jahr 1917 geschrieben. Die kleine Erika von dem Foto ist heute die älteste Bürgerin von Erlangen: Erika Sachse. 

Heute wird sie den ganzen Tag von der Pflegerin Christina betreut. Sie wohnt im alten Schlafzimmer von Erika. Das Wohnzimmer wurde für Erika umgebaut und ist für sie nun Schlaf- und Wohnzimmer zugleich. Im Herzen des großen Zimmers steht ein großer Holztisch mit einer weiß-blau gemusterten Tischdecke und blumig verzierten Geschirr. Hier trinkt Erika viel Tee und hat häufig Besuch.

Fotos von Erika Sachse als Kleinkind aus einem Fotoalbum.
Bild: privat

In der kleinen Wohnung am Stadtrand von Erlangen ist immer viel los. Einmal am Tag kommt eine weitere Pflegekraft, zwei Mal die Woche besucht sie eine Physiotherapeutin. Erika Sachse ist schon immer ein offener Mensch gewesen, hat sich auch immer mit ihren Nachbarn gut verstanden. Eine Studentin, die früher im Haus gewohnt hat, kommt noch immer einmal die Woche für eine Tasse Tee und Kuchen zu der alten Dame.

Ein Blick zurück

Erika Sachse kommt am 9. Oktober 1914 im preußischen Köslin zur Welt, das heutige Kozalin in Polen. Ihr Vater fällt im ersten Weltkrieg, sie lernt ihn nie kennen. Als sie ein Jahr alt ist, zieht ihre Familie mit Erika nach Leipzig. Dort verbringt sie einen Großteil ihres Lebens. Heute fragt sie manchmal, ob sie ihr “Haus in der Löhrstraße in Leipzig” noch einmal sehen könnte, erzählt ihr Neffe Adrian Sachse. Das stattliche Gebäude kennen viele heute als Leipziger Fürstenhof.

Als Erika Sachse in den Ruhestand geht, verlässt sie die DDR. Das war als Rentnerin unkompliziert möglich. Sie zieht 1975 nach Erlangen. Dort leben Freunde und ihre Schwägerin Eri. Erika Sachse bleibt in Erlangen – bis heute. Sie wohnt nun seit 46 Jahren in der mittelfränkischen Stadt. Es war ihr immer wichtig, Zuhause zu bleiben und nicht ins Heim zu müssen. Ihre Familie hat ihr diesen Wunsch erfüllt.

Erika Sachse und ihre Familie und der OB Florian Janik auf ihrem 107. Geburtstag.
Erika Sachse (m) mit ihrer Familie und dem Erlanger Oberbürgermeister Dr. Florian Janik (zweiter v. r.) an ihrem 107. Geburtstag. Bild: privat

Und das, obwohl sie keine Verwandtschaft mehr in Erlangen hat. Ihre Neffen und Nichte leben in ganz Deutschland verteilt. Ihr Neffe Adrian Sachse wohnt mit seiner Frau und Kindern in der Nähe von Düsseldorf. Seine Geschwister und er besuchen ihre Tante einmal im Monat. Schon lange wussten die Familienmitglieder, jedes Treffen könnte das letzte sein. Heute, mehr als zehn Jahre später, schmunzeln sie über den Gedanken, sagt Adrian Sachse. Schließlich hat Erika Sachse erst vor Kurzem ihren 107. Geburtstag gefeiert.

Erika Sachse mit der Tochter ihres Neffen
Erika Sachse mit der Tochter ihres Neffen. Bild: privat.

Kinder haben sie geliebt

Verheiratet war Erika Sachse nie, eigene Kinder hat sie keine. Als Hortleiterin in Leipzig hat sie ihr Leben lang mit Kindern gearbeitet. Für die Kinder der Familie war sie mit ihrer Gitarre immer ein Magnet. Alle haben ihre unbeschwerte und fröhliche Art geliebt. Die Kinder haben Erika oft in Erlangen besucht. Das Programm war immer straff, erinnert sich Adrian Sachse: „Wir haben stundenlange Wanderungen durch die Erlanger Wälder gemacht.“

Erika Sachse vor Alpenpanorama.
Bild: privat

Das Geheimnis: ein gesunder Lebensstil?

Erika Sachse war immer aktiv und viel an der frischen Luft. Medikamente muss sie auch heute fast keine nehmen – nur eine Tablette am Tag, um in der Nacht besser schlafen zu können. Mit 100 Jahren hatte sie noch eine neue Hüfte bekommen. Die OP hat sie gut überstanden. Heute kann sie mit ein wenig Unterstützung noch immer alleine laufen.

Viel von der Vergangenheit hat die Erlangerin nie erzählt. Das Gespräch führte deinErlangen.de mit ihrem Neffen, sie selbst war aber mit im Raum. Gelebt hat sie immer im Hier und Jetzt. Heute redet sie nicht mehr viel. Es werde weniger. Ihr Neffe Adrian Sachse erzählt, sie lebe „ein bisschen in ihrer eigenen Welt“. Zwischen Fotoalben und Erinnerungen. Erika Sachse schaut aus den Tiefen des Fotoalbums hinauf. Sie lächelt, nimmt einen Schluck Tee und versinkt dann wieder in all‘ den Bildern in ihrer Hand.