Wir haben uns mit Christian Schulz über die Health Hackers Erlangen – einer Community und Initiative zur Förderung von einem spielerischen, kreativen und experimentellen Umgang mit Technologien und Wissenschaft im Gesundheitswesen – unterhalten. Was dabei rausgekommen ist, liest Du hier…

Christian, bitte erzähl uns bisschen was über die Health Hackers Erlangen.

Sehr gerne. Es ist wichtig gleich mit einem Vorurteil aufzuräumen, welches sofort im Raum steht, wenn man über Hacker redet. Wir sind weder Kriminelle noch sind wir alle Programmierer. Vor allem von dem kriminellen Aspekt wollen wir uns distanzieren und verweisen auf die ursprüngliche Bedeutung des Begriffes “Hacking”, der in den 60er Jahren am MIT in Boston entstanden ist.

Basierend darauf sehe ich uns Health Hacker Erlangen als eine Initiative zur Förderung von einem kreativen, spielerischen und experimentellen Umgang mit Technologien und Wissenschaft im Gesundheitswesen. Im Vordergrund steht die Neugier an Technologie zu befeuern und den Austausch zwischen Ärzten, Tüftlern und Programmieren zu fördern. Dabei möchte ich in lockeren Veranstaltungen mit Startups und Referenten aus der Region auch die Gründungskultur in Erlangen wachkitzeln.

Das bedeutet also ganz konkret, wir treffen uns um unsere Neugier an Technologie zu “befriedigen” und sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Dabei glauben wir, dass diese beiden Faktoren des gemeinsamen Austausch mit Gleichgesinnten und der Begeisterung für Technologie wichtige Voraussetzungen für die Entstehung von erfolgreichen Startups sind. Ein Startup sollte meiner Meinung nach letztendlich vor allem ein Vehikel sein diese Begeisterung und den Nutzen zum Kunden oder eben Patienten zu bringen. Aber auch bestehenden Startups profitieren von der Community, da sie wertvolles Input und Feedback erhalten oder gar neue Mitstreiter auf diesem Weg finden können.

Wie kam es zur Idee?

Die Health Hacker Erlangen selbst gibt es seit August diesen Jahres, allerdings ist die Idee einer Community schon 2 Jahre alt. Angefangen hat alles mit einem Austausch rund um das Thema Wearables und entwickelte sich zum Treffpunkt einiger Technologie-Enthusiasten. Mit den Leuten änderte sich langsam auch der Schwerpunkt. Auch der Name wechselte hin zu Health 2.0 womit man sich nicht mehr nur auf Wearables beschränkt. Jedoch waren es genau diese Wearables, die den nächsten Entwicklungs-Impuls gesetzt haben. Während eines Treffen klagte ein Oberarzt wie unpraktisch und vor allem teuer Aktivitäts-Tracker selbst mit einfachsten Funktionen in seiner Rheuma-Forschung sind. Ein anwesender Techniker und Tüftler des Fraunhofer Institut sagt dann nur: ”Ach was? Das bastele ich euch für ein paar Euro.” Aus dieser Herausforderung entstand ein Hackathon im April wo um die 30 Programmierer, Elektroniker und auch Ärzte zusammen an Lösungen getüftelt haben.

Fasziniert von dieser Atmosphäre und im festen Glauben an die Potentiale in Erlangen haben sich daraufhin Gunther Tutein und Markus Hanauer von Spirit Link Medical, Axel Hueber Oberarzt der Medizin 3 am Universitätsklinikum und ich im Juli uns zusammengesetzt um Wege zu finden das ganze auf das nächste Level zu heben. Dabei war uns allen schnell klar, dass das was wir mit der Community verkörpern wollen sich in “Hacker”-Philosophie wiederfindet. So kam wir zum Namen.

Was plant Ihr in nächster Zeit? Was für Veranstaltungen wird es geben?

Die Weltherrschaft. Kleiner Spaß, aber wir würden uns freuen mit unserer Community beizutragen die Herausforderungen im Gesundheitswesen anzugehen. Das größte Potenzial sehen wir in den Möglichkeiten, die sich aus neuen Technologien und den Schnittstellen zu bestehenden Anwendungen ergeben. Daher ist jeden Monat eine Veranstaltung mit Technologie Schwerpunkt geplant. Zuletzt waren dies IoT, Blockchain, Augmented Reality und die geplanten Veranstaltungen widmen sich Themen wie Artificial Intelligence, Virtual Reality, Robotic Surgery, 3D Druck, CRISPR/Cas oder Telemedizin. Wichtig ist uns dabei, dass es keine trockenen Fachvorträge sind, sondern anschauliche Vorträge mit viel Raum für Diskussion und kritische Fragen. Als Referenten laden wir vor allem gerne Startups aus der Region ein, die an diesen Technologien arbeiten.

Neben Technologien widmen wir uns bei einer Veranstaltung pro Monat auch Startup-Themen. Dabei rückt das Gesundheitswesen etwas in den Hintergrund und das Ziel ist es, Tüftlern und Forschern Wege in die eigene Gründung aufzuzeigen. Wir wollen dabei nichts schönreden. Ein Gründung ist und bleibt schwierig. Aber wir setzen auf ehrlichen Austausch von Erfahrungen zwischen Gründern. Dazu konnten wir tolle, erfahrene Unternehmer aus der Region gewinnen zu verschiedenen Herausforderungen im Startup-Alltag ihre Erfahrungen zu teilen. Die Themen orientieren sich von der Idee über Team und Kapital hin zu Markteintritt. Unterstützt werden wir dabei wunderbar von Sebastian Engel als Gründerberater der FAU.

Neben den regelmäßigen Events wollen wir auch größere Hackathons veranstalten und separate Arbeitsgruppen zu einzelnen Technologien.

Bitte gib uns einen Überblick, was für Menschen wir bei den Health Hackers antreffen.

Erlangen ist eine Medizintechnik-Stadt, das spiegelt sich auch deutlich in unseren Mitgliedern wieder. So finden sich viele Ingenieure aus Bereich Elektrotechnik und Medizintechnik, etliche Programmierer, einige Naturwissenschaftler und Mediziner. Vor allem Mediziner sind wertvoll für die Community, da sie mit ihren Einblicken in die Praxis und Forschung den Tüftlern der Runde spannende Herausforderungen geben können. Vor allem die Ärzte, die mit offenen und neugierigen Augen durch den Alltag laufen und kritisch Abläufe und Systeme hinterfragen, sind herzlich willkommen. Vom Alter und Erfahrung ist vom studentischen Novizen bis zum Unternehmer im (Un-)-Ruhestand ist alles vertreten.

Wo stehen die Health Hackers in einem Jahr? Und wo in drei?

Aktuell sind 230 Leute über die Meetup-Seite (Anmerkung: Online Portal zur Organisation von Veranstaltungen ähnlich wie Facebook) angemeldet. Im laufenden Jahr sollten wir eine kritische Masse erreichen und vor allem eine Stamm an Mitgliedern etablieren mit denen es einfach Spaß macht sich regelmäßig zu treffen und für die gefühlt keine technische Herausforderung zu groß ist. Auch die Gründung von Startups aus dieser Community liegt uns sehr am Herzen und es freut uns, dass sich da erste zarte Knospen entwickeln.

Insgesamt wollen wir mit den Health Hackers die Anlaufstelle in Erlangen werden für Neugier und Faszination an Technologie im Gesundheitswesen. Ob wir das jetzt in einem Jahr schaffen oder in drei, hängt stark von der Leidenschaft der Mitglieder ab. Die Strukturen hierfür bauen wir gerade auf, so sind wir beispielsweise daran einen eigenen gemeinnützigen Verein hierfür zu gründen. Auch ein Community-organisierter Health Hackerspace wäre eine starke Sache für Erlangen.

Was ist in der Health-Szene aktuell am interessantesten?

Du fragst Sachen, wenn ich das wüsste, dann würde ich Investor werden. Ich denke, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Im Gesundheitswesen gibt es viele spannende Herausforderungen und das schöne ist, so gut wie jeder kann sich mit seinem Wissen oder Leidenschaft irgendwie einbringen.

Aber ich glaube wirklich interessant ist, dass wir gerade beobachten können, wie große Firmen ihr Monopol auf Innovationen zunehmend verlieren. Sie sind gefangen im sogenannten “Innovators Dilemma” und ihnen wird nach und nach der Schneid von jungen, mutigen Firmen abgekauft. Schau dir, die Giganten im Internet an: Google, Facebook und co sind alles noch relativ junge Unternehmen. Früher wäre sowas undenkbar gewesen, weil du für eine Unternehmung unmengen an Maschinen und somit Kapital gebraucht hast. Im Internet reicht heute theoretisch ein Computer mit Internetanschluss, eine Idee und eine Portion Leidenschaft. Die Kosten kreative Lösungen für Probleme zu entwickeln und diese am Markt zu platzieren sind drastisch gesunken. Und dieser Trend ist bei weitem nicht mehr nur auf Bits und Bytes beschränkt. Wir leben in einer Welt in der du mit wenig Kapital einfach loslegen kannst. Die notwendigen Maschinen stehen beispielsweise in FabLabs, du greifst auf Open-Source Baupläne aus dem Netz zu und wenn dir eine Fähigkeit fehlt, dann gehst du auf Youtube oder schaust dir eine Vorlesung aus Stanford an. Auch das Arsenal an modularen Bausteinen für deine Idee ist groß. Dinge wie Arduino, Sensoren oder Rechenpower sind keine limitierenden Faktoren mehr.

Also warum sollte dieser Trend vor der Gesundheitsbranche haltmachen? Okay, es gibt hier ein Minenfeld an Regulierungen und das wohl auch zurecht, obwohl da auch viel Lobbyismus dahintersteckt. Aber können sich große Firmen auf diesem “Schutzwall” ausruhen? Ich glaube nicht, denn diese Chance für neue, kleine und innovative Akteure wird auch von den Risikokapitalgebern zunehmend entdeckt. Die Regulierungsarbeit kann ich zukaufen, ähnlich wie ich heutzutage zum Steuerberater gehe, aber echte Leidenschaft und Kreativität ist unbezahlbar für Unternehmen. Für Kreativität und Leidenschaft brauchen wir aber vor allem Neugier und den Mut Sachen in die Hand zu nehmen und auszuprobieren. Das Anzugehen ist eine große Möglichkeit für Erlangen.

Welche konkreten Innovationen oder Entwicklungen gibt es?

Viele und genau da wollen wir ansetzen. Es gibt mehr Neues als Zeit um sich damit zu beschäftigen. Daher wollen wir in unseren Veranstaltungen vor allem einen ersten Einblick in neue Technologien verschaffen und somit Impulse und Inspiration bieten. Sollten sich dann Leute finden, die sich für einzelne Technologien besonders interessieren und gemeinsam Projekte starten, um so besser.

Und welche Themen diskutiert Ihr aktuell bei den Health Hackers Erlangen?

Ganz konkret freue ich mich besonders auf unser nächsten Themenabend am 6. Dezember bei dem wir uns den Neuro-Wissenschaften widmen und dabei die Schnittstelle zwischen digitaler und neuronalen Welt angehen. Mit Backyard Brains haben wir ein tolles Startup – ausnahmsweise nicht aus der Region – aus den Staaten da. Deren Vision ist es die Grundlagen der Neuro-Forschung in klassischer Hacker-Manier für alle zugänglich zu machen. Mit seinem Ansatz ist das Startup somit nicht nur etwas für Forscher und Lehrer, sondern auch für Tüftler, da die komplette Hardware Open-Source ist.

 

Wenn Du wissen willst, wann sich die Health Hackers Erlangen das nächste Mal treffen, dann schau doch bei Facebook oder MeetUp vorbei.